Globalisierungskritik
Gegenwärtig steht die Globalisierung häufig in der öffentlichen Kritik, vor allem von Seiten vieler Nichtregierungsorganisationen. Dabei werden jedoch gerechtfertigte Kritikpunkte vermischt mit nicht korrekten, überzogenen und teils rein polemisch-ideologischen Vorwürfen gegen die Globalisierung. Zu unterscheiden ist grundsätzlich zwischen extremen Globalisierungsgegnern, die die internationale Arbeitsteilung durch neue Barrieren gegen internationale Transaktionen einschränken wollen, und gemäßigteren Globalisierungskritikern, die Korrekturen an einzelnen Aspekten der bestehenden Regeln für den internationalen Austausch von Waren, Dienstleistungen, Kapital und Arbeitskräften anmahnen.
Generell wird kritisiert, dass die Spielregeln der Globalisierung zumeist von den "Mächtigen" und vorwiegend zu deren Nutzen aufgestellt würden. Dazu zählen die Globalisierungskritiker in erster Linie die - aus ihrer Sicht politisch einflussreichen - multinationale Unternehmen. Die Regierungen der großen und einflussreichen Industrieländer und vor allem die internationalen Organisationen wie Internationaler Währungsfond, und Welthandelsorganisation sehen sie dabei als Handlanger der Wirtschaftsinteressen. Kritisiert wird eine "neoliberale" Ausrichtung der Globalisierung, die zu viel Vertrauen in Kapitalismus und Marktwirtschaft und zu wenig in staatliche Interventionen und Soziales setze.
Das Themenspektrum der Kritik ist sehr breit. Drei Bereiche werden hier beispielhaft und mit Verweisen auf andere Lexikoneinträge skizziert:
- Auf den Internationalen Finanzmärkten und auch im Devisenhandel dominieren nach Ansicht der Globalisierungskritiker die Einflüsse von Spekulanten, sodass der Begriff Kasino-Kapitalismusgeprägt wurde. Tatsächlich bestehen gewisse Probleme im Weltfinanzsystem, vor allem da es immer wieder zu gravierenden Finanzkrisen in Schwellenländern und größeren Verschiebungen zwischen den Währungen der großen Industrieländer gekommen ist. Gefordert werden daher eine Tobin-Steuer auf Devisentransaktionen oder Wechselkurszielzonen. Diese Vorschläge sind allerdings sehr kritisch zu sehen.
- Mit Blick auf Themen wie Protektionismus, Handelsliberalisierung, Inflationsbekämpfung und Konsolidierung wird von manchen Globalisierungskritikern behauptet, die Entwicklungsländerwürden die Verlierer der Globalisierung und eines neoliberalen Reformkanons (Washington Consensus) sein. Als vermeintlicher Beleg wird angeführt, dass die weltweite Ungleichheit und Armut seit etwa 1980 - seit sich die Globalisierung beschleunigt hat - angeblich zugenommen habe. Bei vernünftiger Messung von Armut und Ungleichheit stellt sich jedoch heraus, dass das Gegenteil der Fall ist.
- Die Globalisierung ist - glaubt man den Kritikern - Schuld an der Massenarbeitslosigkeit in Deutschland. Aufgrund der zunehmenden Niedriglohnkonkurrenz ginge uns letztlich die Arbeit aus, weil ja die Entwicklungsländer viel billiger anbieten könnten. Andere Länder aber haben es geschafft, mit den Herausforderungen der Globalisierung fertig zu werden, wie etwa viele angelsächsische Staaten, aber auch Länder, deren Wertesysteme dem unseren ähnlicher sind, wie etwa die Niederlande, Dänemark oder Schweden. In den Industrieländern insgesamtist die Zahl der Erwerbstätigen zwischen 1995 und 2005 um knapp 39 Millionen gestiegen, das ist ein Anstieg von mehr als 10 Prozent in nur zehn Jahren. In Deutschland dagegen hat sie aufgrund unseres unflexiblen Arbeitsmarktes dagegen nur um rund 3 Prozent zugenommen.
- Kritik wird auch an einem im Zuge der Globalisierung verschärften Konkurrenzdruck aus dem Ausland geübt. So heißt es zuweilen, dass niedrigere Arbeits-, Sozial-, Steuer- und Umweltstandards in Entwicklungsländern dazu führen, dass der Wohlfahrtsstaat hierzulande demontiert werden müsse. Letztlich komme es in diesem internationalen Standortwettbewerb zu einer ruinösen Konkurrenz der Staaten, bei denen diese Standards immer weiter gesenkt werden müssten (race to the bottom). Doch auch diese Behauptung hält weder theoretisch noch empirisch einer genaueren Prüfung stand.
Die letzten drei Punkte offenbaren eine grundsätzliche Unstimmigkeit in der Argumentation der Globalisierungskritiker. Auf der einen Seite mahnen sie faire Bedingungen für Entwicklungsländer an und fordern zu Recht einen besseren Marktzugang für arbeitsintensive Güter in den Industrieländern. Auf der anderen Seite schüren sie in Deutschland und anderen Industriestaaten eine überzogene Angst vor der Konkurrenz durch die Entwicklungsländer und leisten einer protektionistisch gesinnten Stimmung Vorschub. Kritisch ist ebenso zu sehen, dass die Globalisierungskritiker sich hier zu Lande wichtigen Reformen entgegen stellen, die notwendig sind, damit die Chancen der Globalisierung (Protektionismus) genutzt werden können.(Ma)
Weiterführende Informationen:
Global ist sozial. Professor Dr. Hans Tietmeyer, Kuratoriumsvorsitzender der Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft (INSM) im Magazin Cicero über die Globalisierungskritik.
Die "neoliberale Globalisierung" ist das erklärte Feindbild dieser Bewegung, die auch unter Intellektuellen Verbündete hat. Die Debatte um Globalisierung prägen Missverständnisse, Fehlinterpretationen und Ängste: Ist der freie Welthandel ein Instrument zur Demontage der Sozialsysteme in den Industrieländern?
Erpressen multinationale Konzerne die Entwicklungs-, Schwellen- und auch die Industrieländer? Führt der ungehemmte Fluss von Finanz- und Warenströmen nicht dazu, dass die reichen Länder immer reicher und die armen Länder immer ärmer werden?
Globalisierung. Politische, ökonomische und kulturelle Herausforderungen, von Helmut Schmidt
Kurzbeschreibung: Aus der wachsenden Verflechtung zwischen den Menschen aller Kontinente öffnen sich ständig neue Perspektiven. Welche Herausforderungen birgt die rasante Entwicklung auf wirtschaftlicher, politischer und geistig-kultureller Ebene? Helmut Schmidt zeigt Möglichkeiten und Notwendigkeiten des Handelns auf. Risiken und Chancen globaler Vernetzung, kurz und prägnant auf den Punkt gebracht. Der Vollblutpolitiker Helmut Schmidt ist analytische und moralische Instanz weit über die Grenzen Deutschlands hinaus.
Zu beziehen unter anderem hier.
Weltkrieg um Wohlstand und pathologischer Exportboom? Warum Deutschland von der Globalisierung profitiert, von Jürgen Matthes
Geprägt von den Jahren der Wirtschafts- und Arbeitslosigkeitsmisere haben in den vergangenen Jahren immer mehr Menschen in Deutschland Angst vor dem Verlust ihres Arbeitsplatzes und dem sozialen Abstieg. Dabei hält die Globalisierung allzu leicht als Sündenbock her. Diese Skepsis könnte zum Aufkommen eines neuen Protektionismus führen, denn die Globalisierung ist keineswegs unausweichlich und durchaus politisch zu stoppen: Heute sind es nicht mehr nur die oftmals ökonomisch weniger versierten und häufig emotional und moralisch argumentierenden Globalisierungsgegner, die die Vorteile des Freihandels in Frage stellen. Vielmehr regen sich gegenwärtig auch in der ökonomischen Zunft gewisse Zweifel. Die Modellannahmen der Kritiker sind jedoch zu stark vereinfachend und halten einer empirischen Überprüfung kaum stand. Vielmehr sprechen viele Argumente dafür, dass Deutschland von der Globalisierung profitiert.
Zu beziehen ist dieses Buch unter anderem hier.
Das kleine 1 x 1 der Sozialen Marktwirtschaft: Ein Schnupperkurs in Sachen Ökonomie
Kurzbeschreibung: Das kleine 1 x 1 der Sozialen Marktwirtschaft", eine Publikation der Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft (INSM), richtet sich an Leser, die mit dem Thema Wirtschaft bisher noch wenig vertraut sind. Auf unterhaltsame und allgemein verständliche Weise wird erklärt, wie die Soziale Marktwirtschaft funktioniert und wie Wettbewerb zum Nutzen aller wirkt. Das Heft thematisiert anschaulich und kompakt die aktuellen Probleme in unserem Wirtschafts- und Sozialsystem und zeigt auf, was mehr Wachstum und Beschäftigung entgegensteht. Behandelt werden auch Arbeitsplatzverlagerungen ins Ausland und die in der Öffentlichkeit oft umstrittenen Gewinne der Unternehmen. Aktien und Börse sind Thema eines Erklärstücks. Zum Schluss widmet der Autor auch der Globalisierung ein Kapitel. Es soll Mut machen, sich auf die neuen Herausforderungen einzulassen: Denn die grenzüberschreitende Freiheit eröffnet neue wirtschaftliche Chancen - vor allem für jene Menschen, die die Zukunft mit Eigeninitiative und dem Glauben an die eigene Leistung optimistisch angehen. Allgemeinverständlich erklärt werden auch Begriffe wie Angebotspolitik, Bruttoinlandsprodukt, Euro, Europäischer Stabilitätspakt, Globalisierung, Inflation, Investitionen, Preise, Produktivität, Subventionen.
Die Broschüre ist unter anderem hier zu beziehen.

