Tobin-Steuer
Von Globalisierungsgegnern, vor allem von ATTAC, wird immer wieder die Einführung einer so genannten Tobin-Steuer gefordert, um "Sand ins Getriebe" der >internationalen Finanzmärkte zustreuen. Auch die Enquete-Kommission des Deutschen Bundestages zum Thema Globalisierung spricht sich dafür aus. Es handelt sich dabei um eine Steuer auf Geschäfte am Devisenmarkt, die aufeinen Vorschlag des inzwischen verstorbenen Wirtschaftsnobelpreisträgers James Tobin zurückgeht. Demnach wird jeder Währungstausch mit einer geringen Abgabe belegt. Im Gesprächsind Steuersätze von 0,01 bis 0,5 Prozent des Transaktionswertes. Damit sollen kurzfristige Transaktionen am Devisenmarkt verteuert und Spekulanten abgeschreckt werden, die vermeintlich einenGroßteil der Devisenmarkttransaktionen in Höhe von über 500.000 Milliarden US-Dollar im Jahr 2004 (Grafik) ausmachten. Ihr Wirken - so die Vorstellung - habe einen destabilisierendenund schädlichen Einfluss auf die Finanzmärkte habe (was allerdings keineswegs immer der Fall ist). Längerfristige (vermeintlich nicht-spekulative) Anlagen über zahlreiche Monateoder mehr würden in ihrer Rentabilität kaum beeinträchtigt. Und aus den Einnahmen könnte mehr Geld in die Entwicklungshilfe fließen.
Sicherlich ist es sinnvoll nach Möglichkeiten zu suchen, destabilisierende Spekulation zu vermeiden, die zu "falschen" Wechselkursrelationen führt oder die zu einer "Blasenbildung"nachfolgenden gravierenden Finanzkrisen beitragen kann, etwa indem zuerst massiv Kapital in die Schwellenländer fließt, das bei ersten Krisenanzeichen dann plötzlich wieder abgezogenwird. Eine solche Spekulation wird möglich, wenn Informationsmangel herrscht und sich etwa durch Herdenverhalten der Finanzmarktakteure eine Bewegung der Kurse weg von den "richtigen" Wertenergibt. Eine Tobin-Steuer dürfte jedoch mehr Schaden anrichten als sie nutzen kann. Denn sie dürfte zwar einige mögliche Spekulanten abschrecken, verteuert aber zugleich eine Vielzahlvon nützlichen und stabilisierenden Transaktionen im >Devisenhandel und könnte letztlich möglicherweise sogar zu einer Destabilisierung beitragen.
Verteuert würde etwa die wichtige Währungsabsicherung mittels Termingeschäften durch Unternehmen bei Krediten oder Handeltransaktionen in ausländischer Währung.Vor allem aber gilt dies für den kurzfristigen Preisausgleich (Arbitrage) zwischen verschiedenen Finanzplätzen und die Risiko mindernde Verteilung von Risikopositionen (etwaOptionsgeschäften) zwischen den Banken, die viele kurzfristige Transaktionen mit sich bringt.Zudem mag das Herdenverhalten sogar noch angeheizt werden: Denn wenn einzelne Spekulanten trotz der Verteuerung durch die Tobin-Steuer auf einen neuen Wechselkurstrend setzen, könnten dieübrigen Akteure glauben, dass dahinter besonders sichere Informationen stehen, die auch sie auf eine hohe Rendite hoffen lassen, sodass sie sich der destabilisierenden Spekulationanschließen und sie verstärken würden.Entwicklungsländer würden zudem kaum durch eine Tobin-Steuer geschützt. Denn sie würde die Währungsmärkte dort noch weiter austrocknen und damitschwankungsanfälliger machen. Nicht helfen würde sie zudem bei Spekulationen gegen einen festen Wechselkurs der heimischen Währung, der als nicht mehr haltbar eingeschätzt wird,wie es im Falle vieler Finanzkrisen der Fall gewesen ist. Denn in solchen Fällen winkt eine so hohe Rendite, dass die kleinen Steuersätze nicht abschrecken würden(>Wechselkurszielzonen). (Ma)
Weiterführende Informationen:
Tobin-Steuer - Weltwirtschaft droht Getriebeschaden, Institut der deutschen Wirtschaft, iwd September 2002
Die Globalisierungskritiker sehen in einer Steuer auf Devisenumsätze eine wirtschaftspolitische Wunderwaffe. Die so genannte Tobin-Steuer mag zwar einige Währungsspekulanten abschrecken. Sie birgt aber viele Gefahren für das reibungslose Funktionieren der Devisenmärkte.
DevisenmärkteAuf den globalen Devisenmärkten wird ein großes Rad gedreht. Im Jahr 2001 wurden dort rund 300 Billionen US-Dollar gehandelt – das ist das 50-fache des Welthandels und rund 75-mal so viel, wie an Kapital über die Landesgrenzen geflossen ist.
Das bedeutet keineswegs, dass der weltweite Währungshandel die Bodenhaftung verloren hat. Zwar hat sich dessen Volumen von 1989 bis 2001 in etwa verdoppelt. Ebenso kräftig legte jedoch der Warenaustausch in dieser Zeit zu; die Kapitalströme haben sich sogar vervierfacht. Zudem sind die Transaktionen an den Devisenmärkten wohlbegründet:
- Risikoabsicherung. Exporteure oder Importeure von Waren sowie Käufer von Wertpapieren sichern sich mit Hilfe verschiedener Finanzinstrumente gegen das Wechselkursrisiko ab, um mit festen Einnahmen oder Ausgaben kalkulieren zu können. Bis das Risiko solcher Geschäfte so verteilt ist, dass jeder schultert, was er tragen kann, wird eine Währungsposition oft mehrfach gesplittet und weiterverkauft. Jedes Mal erhöht sich das Volumen des weltweiten Devisenhandels.
- Reibungslose Märkte. Das Tauschverhältnis von zwei Währungen ist in der Regel an allen Handelsplätzen der Welt gleich. Marginale Unterschiede realisieren die Devisenhändler allerdings sofort. Mit einem Mausklick schicken sie in Sekundenschnelle riesige Geldbeträge um den Erdball. Die Summen müssen so hoch sein, weil es um das Ausnutzen minimaler Kursdifferenzen geht.
Ziel der Händler ist es, Fremdwährungen billig einzukaufen und teurer weiterzuverkaufen. Weil viele so denken, verschwinden die Differenzen zwischen den Wechselkursen ruckzuck wieder. Der Anreiz für weitere Währungstransaktionen entfällt.
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