Unternehmenskonzentration
Die Konzentration von Unternehmen und Märkten kann durch das dynamische Wachstum großer Firmen entstehen, problematischer ist jedoch ihr Zusammenschluss zu marktmächtigenKonzernen. Dies wurde zuerst in den USA ab etwa 1930 thematisiert. Die befürchtete Bildung von Monopolen erkannte man als eine Gefahr für die Marktwirtschaft. Als Reaktion wurden die sogenannten "Anti-Trust"-Gesetze erlassen, durch die Großunternehmen im Öl- und Telekommunikationsbereich zerlegt und Konzerne beispielsweise im Finanzsektor entflochten wurden.
Unternehmenskonzentration ist jedoch nicht immer einfach zu definieren und zu messen. Um den Konzentrationsgrad bestimmen zu können, muss der relevante Markt abgegrenzt werden. Zunächstgehören hierzu alle gleichartigen Güter oder Dienste, die in der betrachteten Region angeboten werden. Zu berücksichtigen ist aber, ob es zu einem Produkt ähnliche Gütergibt, auf die der Kunde ausweichen kann. Treibt eine Preiserhöhung viele Nachfrager zu einem anderen Produkt, das ähnlichen Nutzen stiftet, so spricht man von einem nahen Substitut.Klassisches Beispiel hierfür sind Butter und Margarine.
Wichtig ist auch, wie sich der relevante Markt regional abgrenzt: So gibt es z.B. in den USA nur drei große Automobilkonzerne, ein so genanntes Oligopol. Doch scharfe internationale Konkurrenzverhindert, dass die einheimischen Hersteller Marktmacht ausüben können. Vielmehr sinkt ihr Marktanteil kontinuierlich und ihre Gewinne sind unterdurchschnittlich. Nach der Abgrenzung desrelevanten Marktes kann die Marktmacht beispielsweise über den Marktanteil der vier größten Unternehmen gemessen werden; überdurchschnittliche Gewinne und Löhne sind jedochauch ein Indiz.
Der Vergleich zwischen Bahn und Auto zeigt, dass die Substitution auch asymmetrisch wirken kann: Für unsere Autohersteller sind ausländische Fabrikate der Hauptkonkurrent, nicht die Bahn.Denn diese steht vor allem bei der Nutzung in Konkurrenz zum Auto, kaum bei der Entscheidung über die Anschaffung eines Pkw. Die Deutsche Bahn hingegen hat im Fernverkehr zwar noch immer einMonopol auf der Schiene, aber die Konkurrenz durch Straße und Flugzeug verhindert Marktmacht. Das Auto ist ein nahes Substitut, wodurch die Bahn bei steigenden Benzinpreisen aber auchprofitieren kann.
Trotz vielfältiger Substitutionsmöglichkeiten für viele Produkte und schärferer internationaler Konkurrenz darf die Gefahr der Entstehung von Marktmacht durchZusammenschlüsse nicht unterschätzt werden. In Deutschland erfolgt daher eine Kontrolle durch das Bundeskartellamt, bei dem geplante Fusionen anzumelden sind. Daneben wird die Entwicklungder Unternehmenskonzentration durch die Monopolkommission, einem Expertengremium mit fünf vom Bundespräsidenten berufenen Mitgliedern, begutachtet. So stellt die Monopolkommission in ihrem14. Hauptgutachten einen steigenden Anteil der 100 größten deutschen Unternehmen an den Übernahmen fest; von 37 Prozent im Zeitraum 1998/1999 auf 49 Prozent 2000/2001.
Zusammenschlüsse von europäischer Tragweite müssen auch bei der Europäischen Kommission angemeldet werden und bedürfen einer Genehmigung durch den EU-Wettbewerbskommissar. InDeutschland und in Europa wurde im Jahr 2000 die bislang größte Zahl an Fusionen gezählt. Internationale "Elefantenhochzeiten" galten auf dem Höhepunkt des "New Economy"-Boomsals Voraussetzung fürs langfristige Überleben.
Für Firmen aus dem Medien- und Telekommunikationssektor wurden exorbitante Preise gezahlt. Nach Angaben der Monopolkommission wurden 1999 weltweit 2.400 Mrd. $ in Firmenübernahmeninvestiert, gegenüber 500 Mrd. $ pro Jahr zu Anfang der 90er Jahre. Allein der Wert der Firmenübernahmen mit deutscher Beteiligung betrug im Jahr 2000 ca. 500 Milliarden Euro. Mit Platzender Börsenblase erwiesen sich viele Unternehmen als überbewertet. In den nachfolgenden Jahren hat sich das Volumen mehr als halbiert, während die Zahl der Fusionen um etwa ein Viertel gesunken ist. Nach einer Phase mit weniger Übernahmen nach 2001 istzuletzt wieder eine Zunahme bei den großen und teuren Fusionen zu beobachten, wobei inzwischen auch Unternehmen aus den Schwellenländern China, Indien und Brasilien eine größereRolle spielen.
Untersagt das Bundeskartellamt den Zusammenschluss aufgrund der Gefahr von Marktmacht, so besteht die Möglichkeit einer Sondergenehmigung durch den Bundeswirtschaftsminister. Als Begründungwird dann z.B. auf die Notwendigkeit verwiesen, schlagkräftige Konzerne für den internationalen Wettbewerb zu schaffen. Häufig erscheint die Begründung fraglich, allerdings nimmtdie Größe des relevanten Marktes durch EU-Binnenmarkt und Globalisierung tatsächlich zu. Ein wettbewerbspolitisches Problem ist, dass Großunternehmen leichter Lobbyismusfür Subventionen betreiben können. (Ro)
Weiterführende Informationen:
Internationale Merger und Acquisitions. Der prozessorientierte Ansatz, von Kai Lucks, Reinhard Meckl
Kurzbeschreibung: Das Buch beschäftigt sich mit grenzüberschreitenden Fusionen und Akquisitionen. Durch die Darstellung des M&A-Projekts als Prozess erhält der Leser die Möglichkeit, alle erfolgsrelevanten Faktoren und Inhalte des M&A in einer logisch geordneten Form zu erkennen. Gleichzeitig werden durch die Prozesssicht wichtige Querverbindungen innerhalb eines M&A-Projekts deutlich. Durch Umsetzung der entwickelten Konzeption kann die Erfolgsquote von M&A-Projekten deutlich erhöht werden. Dazu geben die Autoren konkrete Empfehlungen, die auf langjährigen praktischen Erfahrungen aufbauen.
Zu beziehen unter anderem hier.
Der Deal - Die Geschichte der größten Übernahme aller Zeiten, von Thomas Knipp
Kurzbeschreibung: Die Hauptpersonen: Klaus »Das Hirn« Esser und Chris »Cricket« Gent. Das Stück: Der größte Deal, den die Weltwirtschaft je gesehen hat. Die deutsche Mannesmann AG wird nach dreimonatiger Abwehrschlacht vom englischen Vodafone übernommen. Jetzt liegt der Ablauf dieses Geschäftes minutiös recherchiert vor. Für umgerechnet 190 Milliarden Euro übernimmt Vodafone im April 2000 seinen Hauptkonkurrenten auf dem Mobilfunkmarkt, die deutsche Mannesmann AG. Nie zuvor ging es um Werte in dieser Größenordnung - und nie mehr danach. Zum Vergleich: Der Chrysler-Deal kostete Daimler-Benz »nur« 37 Milliarden Dollar. In vielen persönlichen Interviews mit den Hauptakteuren hat Thomas Knipp die Schlacht der beiden Telekommunikations-Giganten um die weltweite Marktführerschaft recherchiert. Klaus Esser und Chris Gent entpuppen sich dabei als aus dem gleichen Holz geschnitzt. Genau dieser Gegenspieler bedurfte es, um das Mega-Ergebnis zu erzielen. Für beide war es der Höhepunkt ihrer Laufbahnen - und im Fall von Klaus Esser auch das Ende seiner Karriere in der deutschen Industrie. Für die Deutschland AG war es die erste »feindliche Übernahme« großen Stils - an der viele gut verdient haben. Sechs Jahre nach dem großen Deal zieht Thomas Knipp spannende Bilanz: Was waren die Folgen der Übernahme für das Unternehmen, die Arbeitnehmer, die Aktionäre und die Verbraucher.
Zu beziehen unter anderem hier.

