Wissensgesellschaft
Seit den neunziger Jahren wird die Reihe der Umschreibungen für die moderne Gesellschaft (z. B. postmoderne, postindustrielle, Erlebnis-, Dienstleistungs- oder Informationsgesellschaft) durch den Terminus von der Wissensgesellschaft ergänzt. Gleichwohl gehört Wissen an sich zu jeder gesellschaftlichen Entwicklungsetappe. Heute verfügt man jedoch über eine systematischere und technisierte Art der Wissenshandhabung, wobei der Stellenwert des Fach- und akademischen Wissens gewachsen ist. Für Wissensgesellschaften bewahrheitet sich immer mehr die sokratische Einsicht: "Ich weiß, dass ich nichts weiß".
Wissen selbst entsteht erst aus der Fähigkeit des Menschen, zu einer bestimmten Frage Informationen zu sammeln, zu bewerten und in sinnvolle Zusammenhänge zu stellen; hernach hat er die Chance, über die Ergebnisse zu reflektieren und zu diskutieren. Als Wissen bezeichnet man zunächst einen Erkenntniszustand, der sich aus allgemeiner intersubjektiv-vermittelter Sicherheit ergibt.
Dennoch ist jeder Wissensstand nach dem Wissenschafts-Philosophen Karl R. Popper (1902 bis 1994) nur vorläufiger Natur. Auch noch so viel Wissen darf daher nicht zu der Annahme verleiten, die Zukunft zu kennen und daher verlässlich planen zu können. Der Terminus enthält somit kein Wesenselement von beständiger Sicherheit, sondern dient eher als Strukturbegriff und kennzeichnet eine weitere Ausdifferenzierung moderner Gesellschaften.
Man kann zwischen explizitem und implizitem Wissen unterscheiden. Voraussetzung des expliziten Wissens, das heißt ein Wissen um Sachverhalte, ist die Verfügbarkeit über ein Mindestmaß an Informationen über diese Sachverhalte; hierzu trägt die moderne IuK-Technik (neue Medien, Internet/Datenautobahn) entscheidend bei. Von implizitem Wissen spricht man, wenn man Wissen nutzt, sich aber darüber nicht bewußt ist und es Dritten nicht erklären kann.
Im letzten Jahrhundert hat sich die Schaffung neuen Wissens (besonders technischen Wissens) exponentiell beschleunigt. Immer mehr Menschen können sich an der Wissensschöpfung und am Wissenskonsum beteiligen und so neues Wissen aufbauen. Idealtypisch ist eine Gesellschaft erst dann eine Wissensgesellschaft, wenn alle oder möglichst viele über solche Voraussetzungen verfügen, die ihnen erlauben, das Angebot an Informationen kritisch und uneingeschränkt zu nutzen, um sich ein eigenes Urteil im Sinne eines vernünftigen Arguments bilden zu können. Neben die textorientierte tritt mehr und mehr die bildorientierte Wissensvermittlung.
Allgemein zielt der Begriff Wissensgesellschaft somit auf die dominant werdende Bedeutung des (expliziten oder impliziten) Wissens für die sozio-strukturelle und sozio-ökonomische Entwicklung der Gesellschaft ab und stellt die Wissensproduktion und Wissensintensität der Produkte und Dienstleistungen in den Vordergrund. Das Wirtschaftswachstum einer solchen Gesellschaft ist vor allem wissensbasiert, worauf bereits der französische Soziologe Alain Touraine 1969 verwies. Wissen ist so zu einem weiteren wichtigen Produktions- und Wohlstandsfaktor mutiert.
Jede Gesellschaft, jedes Unternehmen hat ihre bzw. seine eigene kulturabhängige Form der Wissensschöpfung und Weitergabe. Die (betriebliche) Wertschöpfung erfolgt vorrangig durch die Schaffung von Wissenskapital durch ein Wissensmanagement. Ein Indikator für die Wissensgesellschaft können ihre Ausgaben für Wissen (FuE, Software, höhere Bildung in Prozent des Bruttoinlandsproduktes sein. In Deutschland betrugen sie nach Angaben der OECD 2002 3,9 Prozent (OECD: 5,2 Prozent). Am höchsten lag der Anteil in den Ländern Schweden (6,8), USA (6,7) und Finnland (6,0). Der Anteil des Produktionsfaktors Wissen an der Wertschöpfung wird nach Befragungen des Fraunhofer-Instituts für Arbeitswirtschaft und Organisation auf über 50 Prozent geschätzt - mit steigender Tendenz.
Aus der Entwicklung zu sog. Wissensgesellschaften ergeben sich mehrere Herausforderungen:
Es kommt darauf an, möglichst vielen Menschen den Zugang zu Informationen und Wissen zu ermöglichen, beides zu demokratisieren. Bei einer exponentiellen Zunahme des Wissens wird ein Wissens-Navigator im Sinne von Datenbanken, die für jeden leicht erreichbar und auch handhabbar sind, immer wichtiger. Auch rückt in der technisch basierten Wissensgesellschaft die Frage nach der Medienkompetenz als Lernziel der Bildungsinstitutionen immer mehr in den Vordergrund. Mehr denn je stellt sich die Frage, wem das Wissen gehört und wie sich die Verteilung des Wissens in einer Gesellschaft oder auch global gestaltet. Die Geschwindigkeit in der Wissensgenerierung und Umsetzung in neue Produkte und Dienstleistungen entscheidet mit über die Wettbewerbsfähigkeit. Nicht erst mit der Wissensgesellschaft stellt sich die Frage nach der Verantwortung gegenüber dem Wissen und seiner Verwendung, doch sie erfährt durch zunehmende Verknüpfungen verschiedener Wissensbereiche (z.B. Nanobiotechnologie) erneut eine starke Bedeutung. Ist das Wissen einmal veröffentlicht, entgleitet es dem Wissensgenerator. (Me)
Weiterführende Informationen:
Der Arbeitsmarkt - Akademiker stimmen mit den Füßen ab, Institut der deutschen Wirtschaft Köln, iwd Juli 2007
Deutsche Akademiker verlassen in Scharen das Land. In der Folge suchen viele hiesige Firmen vergebens entsprechend ausgebildetes Personal. Die Frage kann daher nicht nur lauten: Wie verbessern wir die Bedingungen für Zuwanderer? Entscheidend ist auch: Wie halten wir junge hoch qualifizierte Menschen in Deutschland?
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Forscherinnen - In Deutschland selten, Institut der deutschen Wirtschaft Köln, iwd April 2007
Bei allem Wissensdurst, den Mädchen und junge Frauen an Schulen und Hochschulen an den Tag legen – die erworbenen Kenntnisse auch im Job anzuwenden, gelingt offenbar nur wenigen. Nahezu in ganz Europa sind Frauen in Forschungspositionen in Industrie und öffentlichen wissenschaftlichen Einrichtungen unterrepräsentiert. Besonders mau sieht es für die weiblichen Düsentriebs in Deutschland aus.
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Bildungsausgaben - Hohe Investitionen, Institut der deutschen Wirtschaft Köln, iwd März 2007
Die Ausbildung junger Menschen ist der Gesellschaft einiges wert. Im Jahr 2004 gab der Staat bis zum Abitur pro Schüler gut 65.000 Euro aus. Bis zum Uni-Examen summierten sich die öffentlichen Ausgaben im Schnitt auf 112.000 Euro.
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Bildungsfinanzierung - An Geld mangelt´s nicht, Institut der deutschen Wirtschaft Köln, iwd September 2006
Am 12. September 2006 gibt die OECD bekannt, wie viel ihre Mitgliedsstaaten zuletzt für Bildung aufgewendet haben. Deutschland wird sich dann wieder einmal nachsagen lassen müssen, nicht genügend in den Nachwuchs zu investieren. Die OECD-Daten zeigen jedoch nur einen Teil der Wahrheit – tatsächlich können sich die Bildungsbudgets hierzulande durchaus mit denen anderer Länder messen. Das Geld wird allerdings falsch eingesetzt. In Zukunft sollte der Staat stärker die Jüngsten fördern. Zusätzliche Steuergelder sind dafür kaum nötig, wie Berechnungen des Instituts der deutschen Wirtschaft Köln (IW) zeigen.
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Macht des Wissens: Die Entstehung der modernen Wissensgesellschaft, von Richard van Dülmen, Sina Rauschenbach
Kurzbeschreibung: In diesem großzügig bebilderten Band wird eine Kulturgeschichte des Wissens entworfen. Das Buch geht der Frage nach, wie sich die moderne Wissensgesellschaft von der Frühen Neuzeit bis zum Beginn des 19. Jahrhunderts herausbildete. In einer Gesamtschau wird erstmals beschrieben, wie sich im Laufe der Jahrhunderte das Wissen in den verschiedenen Bereichen des Denkens änderte und wie es schließlich dazu kam, dass sich in der Neuzeit rational begründete Wissenschaftssysteme etablieren konnten. Das Wissen, so scheint es, hat in der globalisierten Welt des 21. Jahrhunderts als Schlüssel zu Wohlstand, Einfluss und Macht eine überragende Bedeutung erlangt. Unsere Gesellschaft bezeichnet sich gerne als "Wissensgesellschaft", um sich von der „Industriegesellschaft“ der Moderne abzusetzen. Doch auch schon vor unserer Zeit, eigentlich seit jeher, haben sich die Menschen in den verschiedensten sozialen, kulturellen und politischen Verhältnissen auf "Wissen" berufen. Und immer schon galt, dass derjenige, der über Wissen verfügte, auch Macht hatte. Aber das Wissen, um das es ging, war nicht zu allen Zeiten dasselbe. Insbesondere in der Frühen Neuzeit entstand etwas Neues, ein Wissen, das zunehmend an Bedeutung gewann und durch das sich neue Mächte und Machtverteilungen in Staat und Gesellschaft entwickelten. Dieses Wissen steht im Mittelpunkt der folgenden Darstellung. Es war verbunden mit den Kenntnissen und Konsequenzen, die sich aus einer ebenfalls neuartigen wissenschaftlichen Forschung ergaben, und es wurde grundlegend für das moderne Weltbild, die Verständigung der Menschen in immer universaleren Zusammenhängen, schließlich allgemein für die Begründung von sozialen, politischen und ökonomischen Strukturen. Das vorliegende Unternehmen knüpft an eine moderne Wissenschaftsgeschichte an, die sich auch und gerade der wissenschaftlichen Praxis, den verschiedenen und einander beeinflussenden Wissenskulturen sowie der Herkunft und Funktion der Wissenschaften widmet. Die Beiträge sind von einer interdisziplinären Gruppe von Wissenschaftern und Wissenschafterinnen geschrieben. Sie wenden sich an eine breite und vielfältig interessierte Leserschaft.
Zu beziehen ist dieses Buch unter anderem hier.

